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Bassdee

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Q: Hallo BassDee! Wie nicht anders erwartet, stapeln sich große Mengen an Vinyl in Deinem Reich – fast mehr Präsenz hat aber der Flügel mit den Debussy-Noten obendrauf. Wie kam Musik in Dein Leben?

Mein Vater stammt aus der Lausitz und hat in der damaligen DDR Musik studiert bis kurz nach dem Aufstand 1953. Mein Großvater wiederum war Pfarrer und die Familie bekam durch die politischen Entwicklungen im Laufe der Zeit somit immer mehr Probleme. Es gab ja auch den damaligen Vorwurf, dass die Kirche vom amerikanischen Geheimdienst unterwandert war. Mein Vater hatte dann wohl obendrauf Angst, als Oboe-spielender Musiker in einem Orchestergraben in einem kleinen Provinztheater zu verschwinden und ist, nachdem sie merkten, dass in der DDR alles nur noch schlimmer wurde, gut ein Jahr nach dem 17. Juni nach West-Berlin geflüchtet. Hier angekommen fing er an, Medizin zu studieren. Meine Mutter dagegen hat immer Streichinstrumente gespielt und die beiden haben sich lustigerweise in einem klassischem Orchester kennengelernt. Wir vier Kinder konnten somit alle Musikinstrumente erlernen. Ich selber hab` mit sechs angefangen Klavier zu spielen. Und irgendwann, gegen Ende der 70er Jahre hatten wir mal ein Au-Pair-Mädchen, sie hatte eine Kassette mit dabei, die sie mir schenkte, mit viel Discomusik. Da war dann auch Blondies „Rapture“ drauf – daran kann ich mich noch heute erinnern.

Q: Wie ging es nach dieser Entdeckung weiter?

Diese Disko-Kassette, aber auch die älteren Geschwister, haben schon großen Einfluss auf mich gehabt. Wir fingen auch schnell an, ganz gezielt Radio zu hören, im SFB gab es zum Beispiel eine tolle Sendung, The Big Beat mit Monika Dietl. Ende 1988 hatte mein älterer Bruder einen Freund mit einem DUAL-Plattenspieler, den haben wir dann erstmal umgebaut, damit wir die Geschwindigkeit ändern konnten. Und haben angefangen zu mixen. Bei einem Showcase des BCM-Labels im Tempodrom mit unter anderem DeLaSoul haben wir erstmalig einen Hip-Hop-DJ gesehen, wie er gescratcht hat. Das hat uns auch technisch die Augen geöffnet. Wir wussten anfangs ja nicht mal, dass man Slipmats brauchte, um Tracks einzucuen oder zu scratchen. Später habe ich dann DJ Jonzon, der Acid-House, und den ganzen US-House Sound aus Chicago und Detroit mit Motte nach Berlin gebracht hat, im UFO Club spielen gehört. An ihm mochte ich seine puristische Soundästhetik und Stilsicherheit – das hat mich ganz stark beeindruckt.

Q: Gegen 1991 warst Du in London und hast von dort eine große Kiste an Schallplatten mitgebracht. Was sonst machte diesen Trip in die engl. Hauptstadt so besonders für Dich?

In erster Linie die multi-kulturelle Soundsystem-Kultur und das Zusammen-Feiern der verschiedensten Menschengruppen. Bis heute ist es ja hier in Berlin mehr so, dass nur wenige zum Beispiel mit der türkischen Community in Berlin zusammen in einem Club stehen. In London – vielleicht hat sich das aber auch geändert – war das nicht so, da standen wirklich alle zusammen. Egal ob House, ob Techno, ob Reggae. Und ab 1992 konntest du dort vor Ort einfach sehen: da kommt was mit Jungle und so versuchten wir das in Berlin aufzuziehen. Klar, am Anfang kam fast niemand zu unseren Abenden, doch 1994 kam Goldies Album raus und plötzlich gab es Stories in der SPEX, in der Zeit und so weiter. Kiss FM suchte dann für eine Radioshow DJs in Berlin, die sich mit dieser neuen Richtung auskannten, und es entstand die montägliche „Radio Massive“-Sendung.

Q: Gab es Deinerseits Überlegungen, parallel zu der beginnenden Karriere als DJ, einen Plan B mitaufzubauen?

Ich studierte zu der Zeit und aus heutiger Sicht könnte man darüber nachdenken, ob ich vielleicht doch lieber eine Tür frühzeitig hätte zu machen sollen. Zehn Jahre lang war ich einfach immer komplett am Limit. Mit zwei voll durchgezogenem Studiengängen und drei bis vier DJ-Auftritten pro Woche... das ging nicht gut. Und alle, die ungefähr zeitgleich mit mir angefangen haben, und das Auflegen gleich mehr professionalisiert haben, sind doch jetzt gut angekommen. Nun habe ich Jahre lang nine-to-five gearbeitet und mich dabei unglücklich gefühlt, das ist nicht meine Welt. Heute klappt es wieder ganz ok mit den DJ-Gigs und ich komme damit gut aus.

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Q: Wenn Dich heutzutage jemand buchen will für einen reinen DrumnBass-Classics-Abend – mit was für Gefühlen begegnest Du so einer Anfrage?

Also ich freue ich mich schon irre. Natürlich möchte ich keine Musealisierung von Drum & Bass. Anderseits kennen Leute wie ich Musik, die längst aussortiert worden ist. Die findet keiner auf Youtube oder bei Discogs und die findet auch kein Algorithmus. Und wenn man das für jüngere Leute wieder hervorholt, auch die Ästhetik, welche DrumnBass transportiert hat: da kann man was erleben. Man muss halt immer zwischen alten und neuen Tracks abwägen, schließlich hat DrumnBass es heute auch wieder unglaublich schwer in Berlin. Obwohl seit ungefähr fünf Jahren wieder ein richtig tolles Revival am Kommen ist, mit einem sehr vielfältigen Soundspektrum. Z.B. von Fabio und Grooverider, oder DJ Madcap hört man auf Soundcloud beachtliche Sets, die mich begeistern.

Q: Wie hast Du zu der Zeit eine Person wie Goldie erlebt?

Nun, Goldie hat ein sagenhaftes Charisma. Der war einfach auf einer unglaublichen Mission.. er hatte einfach eine Vision, wie auch dieser Way-of-Life transportiert werden soll und war seit 1991 voll dabei, Fabio und Grooverider waren eine der Keimzellen. Ich war 1991 im Londoner RAGE und dort lief gefühlt alle 20 Minuten Lenny Dee Ice „We are IE“. Das hat mich so umgehauen. Das muss neben den Tracks von Frankie Bones der für mich erste bewusst wahrgenommene Track mit dem Amen-Break in der Geschwindigkeit gewesen sein, und das haben alle DJs dort gespielt. Die haben dort alles in einen Topf geschmissen und mit Breakbeats aufgerührt, auch jemand wie Colin Favor. Und Marc und Dego von 4 Hero und A guy called Gerald haben an anderer Stelle ihren Stoff dazugerührt und als Mentoren agiert.

Q: Kommentier doch bitte mal die 1997 Hard:edged-Metalheadz-Party im Flutgraben, Treptow!

Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn. Also, ich hatte an dem Abend drei Gigs zu spielen. So um halb drei bin ich von der Hard:edged-Party nach meinem Set vor (ich glaube) Doc Scott weg – dankenswerterweise fuhr mich ein Freund durch die Nacht zur Nation of Gondwana draußen vor der Stadt – und kam morgens um halb neun Uhr wieder in die Halle. Es war schließlich auch unsere Veranstaltung. Da waren noch immer weit über 1000 Leute auf dem Floor und Grooverider spielte sein Set um 9 Uhr. Wenn ich mich richtig erinnere, hat er bis 12 Uhr gespielt – das hat er in seinem Leben wohl nie in London gemacht. Und wir als Hard:edged-Crew haben auch unfassbar viel gelernt durch das Event. Denn die Engländer hatten uns schon ganz schöne Ansagen gemacht, in Bezug auf die Technik vor Ort und so weiter. Schon etwas schockierend. Es ging auch finanziell weit über unsere Grenze, aber wir wollten das versuchen und das Ding durchziehen. Es war die Golden Era und wir wollten der 4-to-the-floor-Love-Parade-Community zeigen: schaut her, es gibt auch noch andere Sachen.

Q: Der Abend wurde getragen auch von einem gigantischem Sound.

Für uns war ein guter Klang mit der besten in Berlin verfügbaren Anlage neben der Musik das wichtigste an jeder Veranstaltung. Wir wollten unbedingt für unsere Gäste den bestmöglichen Sound anbieten. Die Engländer hatten ihren eigenen Tontechniker der Metalheadz-Session mitgebracht. Der hat etwas vorab mit der Anlage gemacht, was ich nie wieder gesehen hab. Er hat einfach alle Amps und alle Kanäle auf dem Mischpulte auf Vollanschlag bis an die Rückkopplung gedreht, und dann den Equalizer anhand des laut hörbaren Grundrauschens der Technics-Decks eingestellt. Daraus nahm er alle ihn störende Frequenzen mit dem EQ raus und legte die erste DrumnBass-Scheibe auf. Es hat uns einfach weggeblasen.

Q: Mit dem von Dir mit gegründeten Label „Case Invaders“ ging es bald auch um die Sichtung von einheimischen Talenten.

Dahingehend habe ich ein ganz schlechtes Gewissen. Ich habe relativ viele DATs mit Musik bekommen und beim Anhören aber immer nach etwas ganz Bestimmten gesucht. Neulich habe ich mal ein paar alte DATs rausgekramt und ich war schockiert, was wir dabei alles übersehen haben. Viele Tracks waren so irre abstrakt und gut – wenn man denen eine Chance gegeben hätte, das vielleicht etwas besser abzumischen und sich weiterzuentwickeln über ein zwei Scheiben – dann wären das vielleicht ganz besondere Künstler geworden. Wir haben halt auch geschaut, ist das Konkurrenz-fähig mit den englischen Sachen, was natürlich Blödsinn war. Und dann bekam man so viel Musik zugesteckt, in die die Leute viel Herzblut investiert hatten, und du hast 10-20 Minuten gehabt, um das zu beurteilen. Ich weiß nicht, wie das andere machen, aber ich befürchte, dass ich mit meiner Nicht-Reaktion ganz häufig Leute auch demotiviert habe.

Q: Wie sah denn die grundsätzliche Idee in Bezug auf die Label-Veröffentlichungen aus?

Als Vorbild diente schon Reinforced. Die haben immer viel veröffentlicht, und einige Sachen klangen auch mal etwas unfertig, wie auf einer Spielwiese. Wir wollten etwas anschieben. Alle, die bei uns etwas veröffentlicht haben, haben durch die Releases eine großen Sprung gemacht. Plötzlich hielten die ihre eigenen Stücke auf Vinyl in der Hand, das machte etwas mit denen und sie wurden noch besser beim nächsten Mal. Es ging nie ums Geld dabei. Kostendeckend arbeiten, ja, mit einer 500er Auflage, alles dann aber an die Künstler weitergereicht. Und 500 Stück Vinyl zu verkaufen, war auch damals schon schwierig und dann gingen die Auflagen bald runter und es begann die Zeit der Vinyl-Krise.

Q: Welche Sets, die du selber gespielt hast, waren rückblickend Deine persönlichen Highlights?

Da sind viele. Bei Drum & Bass vielleicht die ersten drei Hard:Edged-Parties, die wir gemacht haben. Oder der Karneval der Kulturen ´95 oder ´96, wo wir am Kottbusser Tor mit dem Wagen unter die Brücke gefahren sind und der Schall von oben zurück kam und es plötzlich wie im Club klang. Da haben wir „Fight the Power“ von Public Enemy als Statement gespielt und der ganz Kotti ist komplett ausgeflippt. Wir sind dann extra runter zum Fahrer und haben ihn gebeten: Bleib bitte jetzt einfach hier die nächsten zwei Stunden stehen, bis die Polizei kommt. Der ganze Platz mit einigen tausend Leute dermaßen am Abgehen... magic! Im WMF in der Johannisstraße war eigentlich jeder Abend unglaublich. Und in Mannheim habe ich auch ein paar mal aufgelegt, auch mit Doc Scott und Grooverider – das war auch toll.

Q: Und welche DJs sind Dir in Erinnerung geblieben?

Kemi + Storm. Mit Abstand. 1995 spielte Björk ein Konzert im Tempodrom, Goldie war sozusagen die Vorband, Goldies „Timeless“ war eben erschienen und wir haben gedacht, lass uns doch nach dem Konzert eine After-Show-Party mit Metalheadz-DJs aus London auf die Beine stellen. Das muss ein Donnerstag Abend im Toaster (ehemaliger Club in Berlin) gewesen sein und mir – und ein paar hundert Leuten mehr – ist in der Nacht bei deren Set die Kinnlade runtergefallen. Danach haben wir die beiden immer wieder geholt und sie haben immer, aber auch wirklich immer, geliefert. Übrigens sind glaube ich die einzigen von uns, die es auch mal rüber auf die Insel geschafft hat, MC Jamie White gewesen. Und etwas später Felix K.

Vielen Dank für das Gespräch, BassDee!

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