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Tony Austin

Tony Austin

F: Hi Tony! Bitte gib uns erstmal eine kurze Einführung, wie die Musik in dein Leben kam.

Ich bin in Los Angeles geboren und aufgewachsen und meine Eltern waren beide Musiker. Mein Vater war Schlagzeuger und ich ging in den 70er- und 80er-Jahren zu seinen Konzerten; er spielte im weitesten Sinne populäre Musik. Ich hatte also wahrscheinlich schon mit drei Jahren Sticks in den Händen und bekam irgendwann auch ein Spielzeug-Schlagzeug geschenkt.
Als ich sieben war, trennten sich meine Eltern und mein Vater war lange Zeit kaum noch präsent für mich. Meine Mutter sorgte dann dafür, dass ich formalen Unterricht bekam und in verschiedene Musikprogramme aufgenommen wurde. Durch lokale Gigs in Jazzclubs und Restaurants begann ich mich im Laufe der Jahre immer weiter zu professionanlisieren.
Irgendwann traf ich Ricky Washington – Kamasis Vater – und wir spielten zusammen einen Gig. Er erzählte mir von seinem Sohn und meinte, er wolle, dass wir zusammen jammen. Daran erinnere ich mich sehr gut, weil Kamasi ein so außergewöhnlicher Name ist. Er war damals etwa 14 oder 15, aber meine Bauchgefühl sagte mir schon, wohin er sich entwickeln würde – und dass er irgendwann richtig krass sein würde.

F: Seid ihr im selben Viertel aufgewachsen?
Nein, überhaupt nicht. Los Angeles ist riesig – du kannst zwei Stunden in eine Richtung fahren und bist immer noch in der selben Stadt. Die Musikszene ist allerdings recht überschaubar. Als wir Kinder waren, gab es viele privat finanzierte Programme, bei denen man sich immer wieder begegnete und wir trafen uns bei Jam Sessions.
Es gab zwei Jazzclubs: Einer gehörte einem Typen namens Richard, der aus sehr ärmlichen Verhältnissen stammte, aber eines Tages einen Kredit bekam und den Club District Six eröffnete. Gleich um die Ecke war ein anderer Laden namens The World Stage. Der Besitzer, Billy Higgins – selbst Schlagzeuger und später ein guter Freund von mir– war fast ständig dort. Viele von uns Kindern und jungen Erwachsenen verbrachten dort ebenfalls unzählige Stunden.

F: Wie viele Stunden pro Tag hast du damals so geübt?
Wahrscheinlich sechs bis sieben Stunden. Wenn man jung ist und es ernst meint, hat man im Grunde zwei Optionen: Jazz oder klassische Perkussion. Ich fand Jazz deutlich spannender und habe mich dafür dann entschieden. Ich spielte außerdem Vibraphon und Marimba und war lange Zeit in einer Marching Drumline aktiv.
Ich versuchte, diese Grundlagen auf das Drumset zu übertragen und hörte gleichzeitig sehr viel unterschiedliche Musik. Meine Mutter hörte zu Hause ebenfalls viel Jazz und zeitgenössische Musik – nichts, was bei anderen Kids angesagt war oder im Radio lief.
Meine eigene Stimme im Jazz habe ich aber eigentlich erst in der Highschool gefunden, als ich eine Miles-Davis-Platte hörte auf der Tony Williams spielte. Da dachte ich: „Oh, Mann! Das ist anders!“ – und ich ging genau in diese Richtung.

F: Warum wurde Tony Williams zu einem so starken Einfluss und Wegweiser für dein Spiel? Hast du ihn jemals getroffen?
Tony war einfach einzigartig und vor allem das, was er in den 60ern gemacht hat, hat mich sofort gepackt. Ich hörte viele Drummer aber er war meiner Meinung nach viel expressiver und versuchte immer, musikalische Gespräche mit seinen Bandkollegen zu führen. Mich begeisterte, wie sie miteinander interagierten.
Irgendwann sagte Billy Higgins, der Clubbesitzer, über den wir gesprochen haben: „Hey, Tony Williams kommt in die Stadt – ich stelle dich ihm vor!“ Aber Tony starb dann leider nur zwei Tage vorher.

F: Wann und wo hast du Miles Mosley kennengelernt?
Wir lernten uns kennen, als er etwa 15 war, und irgendwann um 2009 bekamen wir eine feste Residency im Piano Bar in Hollywood. Eigentlich hörte uns dort kaum jemand zu – es war reine Hintergrundmusik.
Anstatt uns über die Ignoranz des Publikums zu ärgern, sagten wir:
„Scheiß drauf, lass uns experimentieren und Dinge machen, die wir sonst bei einem Gig nie machen würden. Niemand hört zu – wen interessiert es, wenn wir Fehler machen?“
Der Clubbesitzer war nicht besonders streng, also nutzten wir diesen Ort, um uns und unsere Musik weiterzuentwickeln und in neue Richtungen zu treiben. Viel von Kamasis heutiger Musik und unserer Kommunikation auf der Bühne hat dort seinen Ursprung.

F: Entdeckst du heute manchmal neue Künstler über Social Media oder YouTube, bei denen du denkst: „Wow, das ist großartig!“?
Es gibt da draußen jede Menge spannendes Zeug. Aber ich bin Profi-Musiker – ich studiere Musik ständig. Musikalische Entdeckungen sind schwierig, weil ich Musik permanent analysiere. Manchmal gefallen mir Leute aus kompositorischen oder produktionstechnischen Gründen und dann recherchiere ich, wer dahintersteckt.
Das Gefühl ist dabei weniger euphorisch bedingt, sondern eher lernorientiert – neue Techniken, neue Ansätze. Es ist Teil meiner Arbeit, aber eine Arbeit, die ich mit großer Leidenschaft mache. Und ich höre wirklich jeden einzelnen Tag Musik.

F: Wie bist du zur Arbeit im Studio und zur Aufnahmetechnik gekommen?
Nach der Trennung meiner Eltern meldete mich meine Mutter beim Big Brother-Programm an. Dort wird ein Kind mit einem älteren „Bruder“ zusammengebracht, der als Mentor fungiert. Man trifft sich einmal pro Woche, geht in den Park, nach Disneyland oder sonst wohin.
Man wollte wissen, welche Interessen ich hatte, um mich entsprechend zu matchen. Mein Mentor war Roger Linn, der Erfinder der ersten programmierbaren Drum Machine, der LM-1. Wir lernten ihn kennen, als er bei AKAI anfing zu arbeiten und ich ging einmal pro Woche zu ihm nach Hause und experimentierte in seinem Studio.
Dort lernte ich, Drum Machines zu programmieren, mit MIDI-Sequencern zu arbeiten und Mehrspuraufnahmen auf Band zu machen. Zugang zu damals modernster Technologie zu haben, war unglaublich spannend für mich. Später bekam ich von Roger einen MIDI-Controller und einen ziemlich schlechten IBM-Computer mit Cakewalk – plötzlich machte ich meine eigenen Tracks. Ich war überrascht, dass die Leute sie sogar mochten.
Irgendwann begann ich, Bands an meiner Highschool aufzunehmen; dort gab es ein Studio, das aber kaum jemand bedienen konnte. Auch zu Hause nahm ich Bands auf ADAT mit einem kleinen Mackie-Mixer auf. Später kamen Kompressoren, Hallgeräte und immer mehr Equipment dazu – und ich entwickelte diese Fähigkeiten kontinuierlich weiter.

F: Als Schlagzeuger und Studioingenieur – wie schützt du dein Gehör vor Hörschäden?
Erstaunlicherweise habe ich weniger Hörverlust, als man erwarten würde, obwohl ich definitiv laut gespielt habe in der Vergangenheit. Ich bin nicht in einer Rockband wie Metallica, die zwei Stunden am Stück in brutaler Lautstärke spielt. Außerdem benutze ich zu Hause keine Kopfhörer und höre Musik generell nicht übermäßig übertrieben laut.
Beim Mischen und Produzieren geht es eh nicht darum, einfach nur alles zu hören, sondern man muss sehr präzise und gezielt hören können. Es ist dadurch mehr eine Frage des Fokus. Für mich ist das wie Lesen: Ein Buch zu lesen heißt nicht, Wörter zu lesen, sondern zu verstehen, was sie bedeuten. Bei Musik ist es genauso – was will sie mir sagen?

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F: Wenn man Kamasis „Heaven and Earth“ mit dem aktuellen „Fearless Movement“ vergleicht – klanglich: Hast du eine Präferenz? „Fearless Movement“ hat einen fantastischen Bassbereich und wirkt im Stereo-Bild stärker zusammen, während „Heaven and Earth“ sehr luftig und live klingt.
Wir haben in zwei verschiedenen Studios aufgenommen. Fearless Movement entstand in den Sunset Sound Studios auf einer Neve-Konsole. Insgesamt haben wir mehr Zeit in dieses Album investiert, auch wegen Covid.
Beide Alben wurden digital in Pro Tools aufgenommen, aber anschließend auf einer SSL mit analogem Outboard gemischt – echte EQs, echte Kompressoren, echte analoge Signalbearbeitung. Das dauert länger, klingt aber besser. Genau das hat den Sound von The Epic zu Heaven and Earth und zu unseren aktuellen Veröffentlichungen stark verändert.
Auf Fearless Movement gab es außerdem keinen Chor und keine orchestralen Arrangements, was mehr Räume schafft. Und wir nehmen auf jedem Album unsere Kernband live auf – was ich spiele, was Brandon, Miles oder Kamasi spielen, formt die Musik in Echtzeit. Wir erzeugen den Vibe im Studio und improvisieren. Später kommen Kamasis Overdubs, Patricés Gesang und so weiter dazu.

F: Die meisten Mitglieder des WestCoastGetDown-Kollektivs haben Soloalben veröffentlicht. Wann kommt deins?
Ehrlich gesagt: Ein Album zu machen ist nicht nur Leidenschaft, sondern auch Business. Eine Produktion kostet viel Geld. Man investiert Zeit und Energie und ich möchte einen Teil dieser Investition zurückbekommen. Die Herausforderung ist also: Welche Art von Album kaufen die Leute – und wie verkaufe ich es? Das ist ein fortlaufender Lernprozess und hoffentlich führt er bald zu einer Veröffentlichung.

F: Lass uns über deine Live-Performance sprechen. Du spielst jeden Abend ein Schlagzeugsolo. Planst du das im Voraus? Gibt es bestimmte Chops und Skills, die du zeigen willst?
Ich versuche, vorab keine vorgefertigten Ideen mitzunehmen auf die Bühne und Soli nicht zu planen. Unsere Musik basiert auf Improvisation. Wenn du dir vornimmst „Ich will das spielen“ oder „Ich will heute das machen“, blockierst du Momente, die ganz natürlich entstehen könnten – und oft besser sind als alles Geplante.
Ich versuche, keine Erwartungen zu haben, bevor ich wirklich in der Musik bin. Deshalb höre ich mir auch ungern Konzerte vom Vorabend oder von letzter Woche an. Unser Ziel ist es, jeden Abend etwas Neues zu erschaffen. Unser Konzept war immer, als musikalische Einheit Neues zu entdecken und spontan Unerwartetes entstehen zu lassen.

F: Lampenfieber dürfte für dich ein Fremdwort sein.
Nach 40 Jahren auf der Bühne werde ich kaum noch nervös. Das letzte Mal hatte ich so etwas wie Lampenfieber mit 17 bei einem Wettbewerb – ich wollte unbedingt gewinnen- und ich habe gewonnen.
Meistens ist es bei mir eher umgekehrt: Kurz bevor ich auf die Bühne gehe, werde ich extrem müde, fast so, als könnte ich einschlafen. Da ist keine Angst, keine Nervosität – von außen wirkt es vielleicht sogar wie Langeweile auf die betrachtende Person. Wahrscheinlich ist das meine Art, mich energetisch auf das vorzubereiten, was ich gleich geben werde.

F: Du bist ständig unterwegs. Wie fühlst du dich heute, wenn man dich anruft und sagt: „Die nächste Welttournee ist gebucht“?
Nun, dies ist mein Beruf. Wenn ich nicht toure, verdiene ich kein Geld und kann meine Rechnungen nicht bezahlen. Ich habe eine Frau und eine kleine Tochter, für die ich Verantwortung trage.
Es ist also ein gemischtes Gefühl: Einerseits freue ich mich, weil ich Arbeit habe und Geld reinkommt. An die Strapazen denke ich meist erst, wenn es wirklich losgeht. Reisen ist allerdings extrem anstrengend.

F: Erlebst du bei so viel Reisen manchmal noch Kulturschocks?
Nicht wirklich, weil ich schon sehr jung angefangen habe zu reisen. Meine erste Auslandsreise ging mit dem Highschool-Combo zum Montreux Jazz Festival – da war ich vielleicht 13 oder 14. Auf dem Rückweg hatten wir einen Zwischenstopp in Paris und gingen nachts raus, um Zigaretten zu rauchen, Gras zu kaufen und Bier zu trinken. Kindersachen eben.
Die nächste Reise führte ein Jahr später für zwei Wochen nach Japan – das war tatsächlich ein Kulturschock. Heute war ich auf jedem Kontinent außer der Antarktis und in praktisch jeder großen Stadt der Welt. Wenn Leute mich fragen: „Wo warst du schon?“, sage ich gern:
„Es ist einfacher zu sagen, wo ich noch nicht war.“
Ich habe viel über Kulturen und Sprachen gelernt. Wenn man sich an Zeitzonen, Klimata, Religionen und Kulturen gewöhnt, erkennt man, wie ähnlich sich Menschen eigentlich sind.

F: Hast du das Gefühl, dass die Welt momentan ein bisschen in eine ungute Gesamtlage rutscht?
Ich glaube, wir Menschen haben heute einfach zu viel Zugang zu zuvielen Informationen. Schlimme Dinge gab es früher auch, aber man hörte nicht jede Minute davon. Heute scrollst du durch Instagram und siehst das ganze Elend dieser Welt im Sekundentakt.
Man muss sehr bewusst recherchieren, um nicht zu glauben, dass die Nachrichten die ganze Wahrheit zeigen – denn das tun sie nicht. Als Kind im Kalten Krieg wurde uns beigebracht, wie wir über bestimmte Dinge zu denken haben. Heute reise ich dorthin, spreche mit den Menschen selbst und merke: Das meiste war völliger Unsinn.
Selbst in LA ist es so: Wir hatten vor einiger Zeit heftige Brände, aber gemessen an der Größe der Stadt waren sie auf zwei kleine Bezirke begrenzt. Trotzdem klingt es in den Nachrichten, als würde ganz Los Angeles brennen. Mann, Kalifornien hatte schon immer Brände!
Es ist wichtig, nicht mit Angst oder Panik auf all das zu reagieren. Diese Medien verhindern oft genau das, was die meisten Menschen wollen: miteinander auskommen, kommunizieren, nicht überreagieren. Wir müssen lernen, uns auch mal abzukoppeln – sonst werden wir als Menschheit nicht überleben.

F: Du bist kürzlich Vater geworden. Hat dich das emotional verändert?
Absolut. Vater zu werden ist wahrscheinlich die einzigartigste Erfahrung meines Lebens. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, wie stark die Gefühle und die Verbindung zu meinem Kind sein würden.

Es ist ein völlig neues Kapitel. Dieses kleine Wesen wächst jeden Tag, erreicht ständig neue Meilensteine. Es ist brutal anstrengend, aber gleichzeitig wunderschön und überwältigend. An manchen Tagen denkst du: „Wie soll ich den morgigen Tag überstehen?“ – und an anderen: „Ich hoffe, das hört niemals auf.“

Es ist alles zugleich. Schwer zu erklären, aber absolut mind-blowing. Und mit Blick in die Zukunft: Ich darf meine eigene Kindheit noch einmal erleben – als Erwachsener. Das ist eine neue Leidenschaft.

F: Vielen Dank für deine Zeit, Tony!

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